Online-Intermediäre und Meinungsbildung: Wie groß ist ihr Einfluss?
Dass Google, YouTube oder Instagram Einfluss auf die öffentliche Meinung haben, bestreitet niemand. Schwieriger ist die Frage, wie groß dieser Einfluss ist – und wie man ihn so misst, dass Medienaufsicht und Politik damit arbeiten können.
- Intermediäre erstellen selbst kaum Inhalte, entscheiden aber über deren Sichtbarkeit.
- Reichweite allein sagt wenig über Einfluss auf Meinungen.
- Die Messung von Meinungsmacht muss Intermediäre neu mitdenken.
Vermittler ohne eigene Redaktion
Klassische Medien entscheiden selbst, was sie berichten. Intermediäre tun etwas anderes: Sie sammeln Inhalte anderer, wählen aus, sortieren und präsentieren sie. Eine Suchmaschine schreibt keine Artikel, ein soziales Netzwerk dreht keine Nachrichtensendungen – und doch bestimmen beide, welche Artikel und Sendungen gefunden und gesehen werden.
Dieser Unterschied ist für die Medienpolitik zentral. Das deutsche Medienrecht war lange darauf ausgerichtet, die Macht von Rundfunkveranstaltern und Verlagen zu begrenzen. Intermediäre passten in dieses Raster nicht hinein. Erst der Medienstaatsvertrag von 2020 hat für sie eine eigene Kategorie geschaffen – mehr dazu im Dossier Medienintermediäre.
Einfluss hat mehrere Ebenen
Um die Bedeutung eines Intermediärs für die Meinungsbildung einzuschätzen, reicht es nicht, Nutzerzahlen zu zählen. Forschende unterscheiden mehrere Ebenen:
- Reichweite: Wie viele Menschen nutzen den Dienst überhaupt?
- Informationsnutzung: Wie viele davon nutzen ihn, um sich über aktuelles Geschehen zu informieren – und nicht nur zur Unterhaltung?
- Stellenwert: Ist der Dienst eine von vielen Quellen oder die wichtigste? Ersetzt er andere Angebote?
- Wirkung: Beeinflusst er, welche Themen Menschen für wichtig halten und wie sie diese bewerten?
Je weiter man in dieser Liste nach unten geht, desto schwieriger wird die Messung. Reichweiten lassen sich zählen, Wirkungen nur mit aufwendigen Befragungen, Experimenten oder Langzeitstudien annähern.
Was Befragungen zeigen
Repräsentative Umfragen in Deutschland zeigen seit Jahren ein ähnliches Bild: Das Fernsehen und die Angebote etablierter Medienmarken bleiben für viele Menschen die wichtigste Informationsquelle. Intermediäre spielen vor allem als Zugangsweg eine Rolle – man findet einen Zeitungsartikel über eine Suchmaschine oder einen Nachrichtenclip über ein soziales Netzwerk. Bei jüngeren Menschen ist dieser Zugang über Plattformen deutlich wichtiger als bei älteren. Mehr zu den Nutzungsmustern im Beitrag Wofür Intermediäre genutzt werden.
Meinungsmacht neu vermessen
Das Medienkonzentrationsrecht in Deutschland misst Meinungsmacht traditionell vor allem über Zuschaueranteile im Fernsehen. Seit Langem wird kritisiert, dass dieser Maßstab Onlineangebote und Intermediäre kaum erfasst. Die Landesmedienanstalten gewichten deshalb in ihrem Medienvielfaltsmonitor verschiedene Mediengattungen danach, wie wichtig sie für die Meinungsbildung sind, und berücksichtigen dabei auch Onlineangebote.
Für Intermediäre stellt sich eine besondere Frage: Ihr Einfluss beruht nicht darauf, dass sie eine Meinung verbreiten, sondern darauf, dass sie viele Meinungen sortieren. Konzentration entsteht hier weniger bei den Inhalten als bei der Infrastruktur, über die Inhalte gefunden werden.
Was daraus für die Regulierung folgt
Aus der Forschung lassen sich einige vorsichtige Schlüsse ziehen:
- Transparenz vor Verboten: Solange der Einfluss schwer messbar ist, sind Offenlegungspflichten – welche Kriterien gelten, wie wird gewichtet – ein angemessener erster Schritt.
- Diskriminierungsfreiheit: Wenn ein Intermediär bestimmte journalistische Angebote systematisch benachteiligt, kann das die Vielfalt schwächen. Das Dossier Wie neutral müssen Plattformen sein? geht dieser Frage nach.
- Datenzugang: Ohne Daten der Plattformen bleibt jede Messung von Einfluss lückenhaft.