Lokaljournalismus fördern – aber wie?
Über den Gemeinderat, die Schulschließung oder den neuen Bebauungsplan berichtet keine überregionale Zeitung. Wenn Lokalredaktionen verschwinden, entsteht eine Lücke, die kein Algorithmus füllt. Ein Überblick über Ideen, wie lokaler Journalismus finanziert werden kann, ohne seine Unabhängigkeit zu gefährden.
- Lokaljournalismus ist wirtschaftlich besonders unter Druck, aber demokratisch besonders wichtig.
- Es gibt direkte, indirekte und gemeinnützige Fördermodelle – jedes mit Vor- und Nachteilen.
- Staatsferne ist bei jeder Förderung die zentrale Bedingung.
Warum gerade das Lokale leidet
Lokale Zeitungen haben ihr Geschäftsmodell in wenigen Jahrzehnten weitgehend verloren. Kleinanzeigen, Immobilien- und Stellenmärkte, einst wichtige Einnahmequellen, sind zu Onlineportalen abgewandert. Die gedruckten Auflagen sinken, Zustellung auf dem Land wird teurer. Digitale Abos wachsen, gleichen die Verluste aber vielerorts nicht aus. Die Folge: Verlage legen Lokalausgaben zusammen, dünnen Redaktionen aus oder schließen sie.

In den USA hat sich für Regionen ohne eigene lokale Berichterstattung der Begriff Nachrichtenwüste (news desert) eingebürgert. In Deutschland ist die Lage weniger dramatisch, aber auch hier gibt es Landkreise, in denen nur noch eine Zeitung erscheint – mit wenigen Redakteuren für viele Gemeinden.
Was verloren geht
Forschung aus mehreren Ländern deutet darauf hin, dass der Rückgang lokaler Berichterstattung Folgen hat: Die Wahlbeteiligung bei Kommunalwahlen sinkt, weniger Menschen kandidieren für Ämter, und die Kontrolle von Verwaltung und Kommunalpolitik lässt nach. Wo niemand hinschaut, fehlt das Korrektiv. Gleichzeitig füllen oft Angebote die Lücke, die nicht journalistisch arbeiten: Gemeindeblätter der Verwaltung, Facebook-Gruppen, Anzeigenblätter.
Fördermodelle im Überblick
| Modell | Wie es funktioniert | Chance | Risiko |
|---|---|---|---|
| Indirekte Förderung | Entlastung bei Kosten, z. B. Zustellung, ermäßigte Mehrwertsteuer | trifft alle gleich, kein Einfluss auf Inhalte | hilft auch Verlagen ohne Lokalteil, wenig zielgenau |
| Projektförderung | Zuschüsse für konkrete Vorhaben, Ausbildung, digitale Umstellung | zielgenau, innovationsfreundlich | Abhängigkeit von Förderzyklen |
| Gemeinnützigkeit | Journalismus als steuerbegünstigter Zweck, Spenden werden absetzbar | öffnet Stiftungsgeld und Spenden | in Deutschland rechtlich bislang nicht ausdrücklich geregelt |
| Stiftungen | private Stiftungen finanzieren Redaktionen oder Recherchen | staatsfern | Abhängigkeit von einzelnen Geldgebern |
| Leserfinanzierung | Mitgliedschaften, Genossenschaften, freiwillige Beiträge | enge Bindung an das Publikum | funktioniert eher in Städten mit zahlungskräftigen Lesern |
In Deutschland wird seit Jahren über eine bundesweite Presseförderung diskutiert, etwa als Zustellförderung. Umgesetzt wurde sie bislang nicht. Einige Länder haben eigene Programme aufgelegt, meist als Projekt- oder Innovationsförderung, teilweise über die Landesmedienanstalten.
Staatsferne als Grundbedingung
Pressefreiheit bedeutet auch Freiheit vom Staat. Jede öffentliche Förderung muss deshalb so gestaltet sein, dass der Geldgeber keinen Einfluss auf Themen und Tendenz nehmen kann – und dass nicht einmal der Anschein entsteht.
Was Redaktionen selbst tun können
Förderung allein wird den Lokaljournalismus nicht retten. Erfolgreiche Beispiele zeigen, dass Nähe zum Publikum der wichtigste Wert ist: Veranstaltungen vor Ort, Themenvorschläge von Leserinnen und Lesern, klare Erklärungen, wie die Redaktion arbeitet. Dazu gehört auch, die eigenen Kommentarspalten und Kanäle so zu betreuen, dass sie ein Ort für Austausch bleiben – praktische Hinweise dazu im Beitrag Zehn Maßnahmen gegen Hassrede.
Lokale Vielfalt ist eine der Zehn Thesen für digitale Medienvielfalt – vielleicht die dringlichste.