Millionenfach geklickte Irreführung
Zu Beginn der Corona-Pandemie warnte die Weltgesundheitsorganisation nicht nur vor dem Virus, sondern auch vor einer Flut von Informationen – richtigen wie falschen. Der Begriff Infodemie beschreibt ein Problem, das jede Krise begleitet.
- Irreführende Inhalte verbreiten sich oft schneller als Richtigstellungen.
- Nicht jede Falschinformation ist Absicht – vieles wird aus Sorge weitergegeben.
- Vorbeugende Aufklärung wirkt oft besser als nachträgliches Widerlegen.
Was eine Infodemie ist
Die WHO verwendet den Begriff Infodemie für ein Übermaß an Informationen während eines Gesundheitsnotstands, darunter falsche und irreführende, online wie offline. Das Problem ist nicht nur die Falschinformation selbst, sondern die schiere Menge: Wenn Menschen verunsichert sind und viele widersprüchliche Aussagen sehen, fällt es ihnen schwer, vertrauenswürdige Quellen zu erkennen – und sie verlieren im Zweifel das Vertrauen in alle.
Drei Begriffe, die man trennen sollte
- Misinformation: falsche Informationen, die ohne Täuschungsabsicht verbreitet werden – etwa ein gut gemeinter, aber falscher Gesundheitstipp in der Familiengruppe.
- Desinformation: falsche oder irreführende Informationen, die bewusst verbreitet werden, um zu täuschen, zu schaden oder zu verdienen.
- Malinformation: zutreffende Informationen, die aus dem Zusammenhang gerissen werden, um Schaden anzurichten.
Die Unterscheidung ist wichtig, weil die Gegenmittel verschieden sind: Wer aus Sorge teilt, lässt sich mit guter Aufklärung erreichen. Wer gezielt täuscht, muss durch Plattformregeln und Recht gebremst werden.
Warum sich Irreführung so schnell verbreitet
Irreführende Inhalte haben oft strukturelle Vorteile:
- Sie sind einfacher. Eine klare Behauptung ist eingängiger als eine vorsichtige wissenschaftliche Einschätzung mit Unsicherheiten.
- Sie sind emotionaler. Angst, Wut und Empörung erhöhen die Bereitschaft, etwas zu teilen – und Interaktionen werden von vielen Ranking-Systemen belohnt. Mehr dazu im Beitrag Blackbox Newsfeed.
- Sie sind zuerst da. In einer neuen Lage gibt es anfangs wenig gesichertes Wissen. Wer schnell eine Erklärung liefert, besetzt das Thema.
- Sie sind neu. Überraschende Behauptungen wirken interessanter als Bekanntes. Studien zu sozialen Netzwerken haben gezeigt, dass falsche Nachrichten sich teils weiter und schneller verbreiteten als zutreffende.
Hinzu kommt, dass viele Videos und Beiträge millionenfach gesehen werden, bevor Plattformen reagieren. Selbst wenn sie später entfernt oder herabgestuft werden, ist die Reichweite dann schon erreicht. Wie Empfehlungssysteme dabei mitwirken können, beschreibt das Dossier Empfehlungen in Krisenzeiten.
Was hilft
Was Plattformen tun müssen
Der Digital Services Act verpflichtet sehr große Plattformen, systemische Risiken zu bewerten – ausdrücklich auch Risiken für den gesellschaftlichen Diskurs, für Wahlen und für die öffentliche Gesundheit – und Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Für Krisen sieht er einen eigenen Mechanismus vor: Die EU-Kommission kann Plattformen in außergewöhnlichen Lagen zu bestimmten Maßnahmen auffordern.
Wichtig ist, was der DSA nicht tut: Er verbietet keine legalen, aber irreführenden Inhalte. Er setzt auf Verfahren, Transparenz und Risikomanagement statt auf staatliche Wahrheitsentscheidungen. Das entspricht einer der Zehn Thesen: Desinformation begegnet man am besten mit sichtbarer, verlässlicher Information.