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(Des-)Information auf Empfehlung?

Studie untersucht den Empfehlungsalgorithmus von YouTube

Die Video-Sharing-Plattform YouTube ist zu einer wichtigen Informationsquelle geworden. Allein in Deutschland nutzen 7,2 Millionen Bürgerinnen und Bürger die Plattform regelmäßig, um sich über gesellschaftliche und politische Themen zu informieren1. Empfehlungen, die neben einem Video angezeigt werden, haben nach Angaben von YouTube eine herausragende Bedeutung für die Nutzung. Die Frage, ob YouTubes Empfehlungen verlässliche Informationen oder Desinformation sichtbar machen, war der Anlasspunkt für die Studie „Empfehlungen in Krisenzeiten“. 

Um mehr über die Arbeitsweise von YouTubes Empfehlungsalgorithmen zu erfahren, wurden dabei Empfehlungen gezielt ausgelöst, indem ausgewählte Videos über drei Themen - Covid-19-Pandemie, Klimawandel und Migration - abgespielt wurden. Anschließend zeichnete ein eigens dafür programmiertes Tool die ersten Empfehlungen so auf, dass die bisherige Nutzung keinen Einfluss auf die Ergebnisse hatte (nicht personalisiert). Ausgehend von diesen Empfehlungen wurde das Verfahren zwei Mal wiederholt, so dass am Ende über 33.000 mögliche Empfehlungen gesammelt wurden. Diese enthielten über 8.000 unterschiedliche, mehrfach empfohlene deutschsprachige Videos. Um die Sichtbarkeit desinformativer Videos zu bestimmen, war ein Drittel der Startpunkte bereits desinformativ gewählt.

Kanäle und Videos sehr ungleich sichtbar
Angebote von journalistischen Anbietern und öffentlichen Institutionen dominierten mit 61 Prozent die aufgezeichneten Empfehlungen. Dieses Ergebnis entspricht der offiziellen Strategie von YouTube, seriöse Stimmen in der Krise zu verstärken. Allerdings werden einige wenige Kanäle und Videos– unabhängig von ihrem Thema - überdurchschnittlich oft empfohlen. So entfallen auf nur 61 Kanäle 65 Prozent aller aufgezeichneten Empfehlungen. Die übrigen 1.702 Kanäle waren meist nur einige wenige Male in den Empfehlungen sichtbar.

Die starke Präsenz einzelner Kanäle ging mit einem geringen Anteil an Videos zu den drei untersuchten Themen einher.  Die aufgezeichneten Empfehlungen enthielten in nur 11 Prozent der Fälle Videos mit Bezug zu den drei untersuchten Krisenthemen. Denn der Algorithmus scheint Videos eines populären Kanals eher vorzuschlagen, statt themenähnliche Inhalte anzuzeigen. Dies führt dazu, dass die Themen schnell wechseln. Allein auf Basis von angeklickten Empfehlungen ist die Chance daher eher gering, dass Nutzende umfassende Informationen zu einem Thema zu sehen bekommen. 

Deutliche Reduktion der Desinformation in Empfehlungen
Der Algorithmus der Plattform zeigt Desinformation eher selten an: Im Vergleich zu den Startpunkten der Untersuchung ließ sich eine deutliche Reduktion des Anteils an potenziell desinformativen Inhalten beobachten – von 33 auf 6 Prozent. Mit Blick auf die themenbezogenen Inhalte gab es jedoch Unterschiede. Zu den Themen Covid-19-Pandemie und Klimawandel enthielten die Empfehlungen zu 14 bis 15 Prozent potenziell desinformative Inhalte und somit deutlich mehr als zum Thema Migration. 

Die qualitative vertiefende Untersuchung zeichnete ein aktives Produzentennetzwerk nach, das immer neue Inhalte auf YouTube zur Verfügung stellt. Durch Verlinkungen aus Messengern und von anderen Plattformen erreichen desinformative Inhalte hohe Reichweiten. Einzelne dieser Inhalte können zumindest anfangs auch in Empfehlungen sichtbar werden, auch wenn die Analysen darauf hindeuten, dass deren Sichtbarkeit mit der Zeit abnimmt. 

Eine kleine Stichprobe der erfassten Videos zeigte schließlich, dass desinformierende Videos oft werbefinanziert sind: 40 Prozent der desinformativen Videos enthielten Werbung – und somit häufiger als die Angebote ohne Desinformation. So werden desinformative Inhalte mitfinanziert.

Meinungsvielfalt vor allem in journalistischen Beiträgen
Die empfohlenen Inhalte enthielten fast immer eine Meinung, eine Gegenüberstellung verschiedener Positionen war jedoch hauptsächlich in journalistischen Inhalten auffindbar. Private Kanäle bildeten nur in 15 Prozent der analysierten Videos mehrere Meinungen ab, und auch bei den Kanälen von Institutionen und Unternehmen war der Anteil eher gering. 

Mit Blick auf die Themen der Videos zeigten sich merkliche Unterschiede: Zu dem Thema Flüchtlinge enthielt die Hälfte der Videos ein ausgewogenes Meinungsbild, während dies bei Videos zur Covid-19-Pandemie und zum Klimawandel nur in 20 bis 30 Prozent der Fall war. 

Zusammenfassend zeigt sich, dass - zumindest unter Laborbedingungen - sehr wenig Desinformation auf YouTube empfohlen wird. Unklar ist jedoch weiterhin, wie desinformative Inhalte erkannt und behandelt werden. Mehr Transparenz zum Umgang mit Desinformation auf YouTube ist daher dringend nötig, aber auch Zugang zu Daten, die eine unabhängige Untersuchung deren Verbreitung zulassen. Wichtig ist zudem, dass Kanäle, die Desinformation verbreiten, nicht an Werbeeinnahmen beteiligt werden.

Dies Studie „Enpfehlungen in Krisenzeiten“ wurde im Auftrag der Medienanstalt Berlin Brandenburg, der Senatskanzlei Berlin, der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM), der Landesanstalt für Medien NRW und der Medienanstalt Rheinland-Pfalz von Kantar, Public Division und Prof. Dr. Joachim Allgaier (Hochschule Fulda, ehemals RWTH Aaachen) umgesetzt.

Der Forschungsbericht kann hier heruntergeladen werden. 

Die Pressemitteilung zur Studie finden Sie hier.

 

Die Studie wurde am 24. Februar 2021 live im Alex Berlin vorgestellt. Die Aufzeichnung der Veranstaltung können Sie hier einsehen:

 

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Mediengewichtungsstudie 2020 I