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Millionenfach geklickte Irreführung

Infodemie – so bezeichnete die Weltgesundheitsorganisation die Flut an Falschmeldungen über die Covid-19-Pandemie, die derzeit Social Media und Messenger-Dienste überrollen. Die Verbreitung falscher und irreführender Informationen spiegelt in ihrer Zuwachskurve die steigenden Zahlen an Corona-Erkrankten seit Januar 2020.[1] Welche Ansätze und Maßnahmen können diese Flutwelle eindämmen?

Um über Lösungen zu reden, brauchen wir mehr Wissen über die Ausmaße der Infodemie. Laut einer aktuellen Studie vom Reuters Institute for the Study of Journalism (RISJ) hat jeder vierte deutsche Nutzende im großen Stil Falschinformationen über die Covid-19-Pandemie auf Social Media, Videoplattformen oder Messenger-Apps gesehen. In der aktuellen Umfrage der Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen sind es sogar knapp die Hälfte der Befragten, die häufig oder sehr häufig Desinformation zur Coronakrise im Internet gesehen haben, und nur zwölf Prozent, die noch nie solche Inhalte online wahrgenommen haben. Weitere Studien vom RISJ, von der gemeinnützigen Organisation Avaaz und von der italienischen Bruno Kessler Stiftung untersuchten die Verbreitung von Covid-19-Meldungen, die von unabhängigen Faktenprüfern als falsch entlarvt wurden, und stellten fest, dass diese bereits millionenfach geteilt und angeklickt wurden.

Die Quantifizierung der Gefahr erfordert jedoch klare Regeln, wo freie Meinungsäußerung aufhört und wo Desinformation[2] anfängt. Denn viele Desinformationen sind in einem Graubereich zu verorten: Sie vermischen Tatsachen mit irreführenden Interpretationen, reißen Fakten und Bilder aus dem Zusammenhang und verzerren so ihre Bedeutung. In der Tat sind die meisten derzeit verbreiteten Falschinformationen nicht frei erfunden, sondern „nur“ verzerrt: So beruhten nur 38 Prozent der englischsprachigen Falschmeldungen in der RISJ-Studie auf komplett falschen Behauptungen. Eine Analyse von deutschsprachigen Facebook-Posts auf Seiten von sogenannten alternativen Medien stellte zudem fest, dass nur sehr wenige der Meldungen als eindeutig falsch bezeichnet werden können (Boberg et al. 2020). Solche Seiten würden Themen und Meldungen aus den klassischen Medien aufgreifen und objektive Fakten mit nicht überprüfbaren Interpretationen vermischen, um so „alternative Erzählungen“ zu schaffen.

Welche Covid-19-Desinformationen werden verbreitet und wer profitiert davon?

Die verbreiteten Desinformationen sind thematisch sehr vielfältig: Manipulierte Bilder schüren Ängste, dass Krankenhäuser nicht ausreichend ausgestattet und Ärzte überfordert sind, oder befeuern Verschwörungstheorien, nach denen die Pandemie nicht real ist; Falschmeldungen erwecken Hoffnungen auf angebliche Heilmittel, oder stellen angeordnete Schutzmaßnahmen in Frage. Das Informationsportal Tortoise analysierte zusammen mit Forschern der Bruno Kessler Stiftung die häufigsten Themen in 25 Sprachen. Die meist verbreiteten „Fake News“ waren falsche Nachrichtenmeldungen z.B. über erkrankte Prominente, manipulierte Bilder, Desinformation über notwenige Schutzmaßnahmen, den Ursprung des Virus oder Heilmittel sowie gefälschte Statistiken.

Wer dahinter steckt, ist schwer nachzuweisen. Mitte März veröffentlichte die East StratCom Task Force – eine für die Abwehr von russischer Propaganda zuständige Arbeitsgruppe der EU – einen Bericht, indem kremltreue Akteure für die Verbreitung von Covid-19-Desinformation verantwortlich gemacht werden. Falschnachrichten, die sich an europäische Bürgerinnen und Bürger wenden, verbreiten Verschwörungstheorien über "globale Eliten", die den Virus absichtlich als Waffe einsetzen oder für ihre eigenen Zwecke ausnutzen. Zudem verbreiteten chinesische Kanäle Propagandameldungen, die das Krisenmanagement der chinesischen Regierung lobten, aber auch Falschinformationen über einen US-amerikanischen Ursprung des Virus enthielten.

Ein Bericht der Analysefirma Graphika weist auf sehr aktive Kanäle hin, die Corona-Meldungen nutzen, um fremdenfeindliche Stimmungen zu schüren – allem voran in Frankreich und Italien. Aber auch in Deutschland verbreiten sich in rechten Netzwerken Verschwörungstheorien über die Covid-19-Pandemie. So hat das Faktenfuchs-Team des Bayerischen Rundfunks diverse Falschinformationen aufgelistet, die rechtsextreme Ideologie verbreiten.

Die Produzenten von absichtlicher Desinformation haben verschiedene Ziele. Neben ideologischer Propaganda geht es aber oft um finanzielle Anreize. Die gemeinnützige Organisation EU Disinfo Lab recherchierte zu einem afrikanischen Netzwerk, das Falschmeldungen kopiert, neu produziert und verbreitet, und dabei die erzeugten Klicks und Traffic zu Geld macht. Auch Sebastian Bay, Senior Experte in der Arbeitsgruppe NATO StratCom, berichtete auf dem Internet Governance Forum 2019, wie Unternehmen an der Herstellung und Verbreitung von Desinformation verdienen. „Wir beobachten die Entstehung einer globalen Desinformationsindustrie,“ so Sebastian Bay. „Manche Länder spezialisieren sich auf die Entwicklung von Software zur Manipulation von sozialen Medien, andere auf die Herstellung von Inhalten, dritte wiederum auf das Crowdfunding von Manipulationen.“

Laut der RISJ-Studie greifen die meisten Covid-19-Falschmeldungen die Maßnahmen an, die von nationalen oder lokalen Regierungen gegen die Pandemie getroffen werden. Clickbait und andere wirtschaftlich motivierte Falschmeldungen waren eher selten zu finden. Die Forscher betonen dabei, dass politische und sonstige prominente Akteure eine entscheidende Rolle bei der Verbreitung von (englischsprachiger) Desinformation spielen: Während diese für nur 20 Prozent aller Falschmeldungen verantwortlich waren, erhielten ihre Posts 69 Prozent aller Nutzerreaktionen. Ideologisch motivierte Desinformation erreicht also viel Aufmerksamkeit.

Wie verbreitet sich Desinformation?

Die Analyse der Bruno Kessler Stiftung zeigt, dass Social Bots – also automatisch betriebene falsche Accounts – für die Verbreitung von bis zu 40 Prozent der kursierenden Falschinformationen zur Covid-19-Pandemie verantwortlich sein könnten. Doch häufig werden solche Meldungen von den Nutzenden selbst geteilt und verbreitet.

Aktuelle Studien haben zwei Gründe dafür empirisch untersucht: politische Motivation und mangelndes Bewusstsein für kursierende Desinformationen. Laut der Forschung sind Menschen durchaus imstande, Wahrheit von Manipulation zu unterscheiden.[3] Vielen Menschen wäre es im Nachhinein vermutlich unangenehm, falsche Informationen in ihrem Bekanntenkreis verbreitet zu haben. Wieso teilen also Nutzerinnen und Nutzer Falschinformation mit ihren Kontakten?

Eine Erklärung lautet: Politisch motivierte Anhänger verfolgen das Ziel, den vermeintlichen Gegner schlecht darzustellen und wären bereit, jedes Mittel zu nutzen. Die Studie von Mathias Osmundsen und Kollegen stützt diese These. Gordon Pennycook und seine Kollegen bieten eine andere Erklärung: Anreizsysteme auf Sozialen Medien würden das Nachdenken über Wahrheit und Quellenreputation regelrecht verhindern. Die Kommunikation dort lebe von vielen impulsiven Reaktionen, von erhaschter Aufmerksamkeit und vom möglichst lauten Beifall der virtuellen Umgebung. Die Menschen würden verleitet werden, falsche Meldungen zu teilen, auch wenn sie das eigentlich missbilligen. Ihr Experiment zeigte, dass für Falschinformation sensibilisierte Nutzerinnen und Nutzer weniger bereit wären, diese zu teilen. 

Welche Folgen kann Desinformation haben?

Wie gefährlich Falschmeldungen sein können, sieht man eindrücklich am Schaden, den Gerüchte über angebliche Heilmittel wie Bleiche oder über den Zusammenhang zwischen Virusverbreitung und 5G-Technologie verursacht haben. Weniger sichtbar als Vergiftungen und zerstörte Funkmasten sind jedoch die langfristigen Effekte von Desinformation auf die Debatten und Stimmungen in einer Gesellschaft.

Forscher warnen davon, dass Desinformation die Gesellschaft spalten und das Vertrauen in Institutionen senken kann. Der Psychologe Michael Bang Petersen beschreibt die Rolle von Propaganda und Gerüchten als Mittel, um die Aufmerksamkeit von Menschen mit bereits existierenden Meinungen zu bündeln. Es geht also nicht darum, Bürgerinnen und Bürger zu überzeugen und zu manipulieren, sondern vor allem darum, die eigenen Anhänger zu mobilisieren. Wenn diese sehr aktiv sind – wie die Twitter-Nutzende in der Studie von Fabian Baumann und Kollegen –, und zur Verbreitung von Desinformation aus ideologischen Gründen beitragen, werden extreme Meinungen verstärkt und Onlinediskussionen politisiert. Aktuelle Forschung von Fabian Zimmermann und Matthias Kohring zeigt den Zusammenhang von Falschmeldungen und Vertrauen in Institutionen und Medien: Wenn Menschen geringes Vertrauen in die Politik, aber auch in den Journalismus haben, würden sie sich alternativen Fakten und Erzählungen zuwenden, um ihr Weltbild zu bestätigen. Indem Desinformation Teile der Gesellschaft polarisiert und spaltet, droht sie die Grundmauer unserer Demokratien zu erschüttern.

Proaktiv gegen Desinformation: Welche Maßnahmen können helfen?

Am 17. März erklärten die großen Online-Plattformen in einer gemeinsamen Erklärung, dass sie falsche Meldungen und Manipulation über Covid-19 bekämpfen und verlässliche Informationen von offiziellen Quellen hervorheben werden. Seitdem haben alle Plattformen ihre Maßnahmen gegen die Verbreitung von Desinformation erweitert und verschärft [4]. Die Maßnahmen der Plattformen gegen die Covid-19-Falschinformationen scheinen jedoch nicht weitreichend genug zu sein. Die RISJ-Studie stellte fest, dass viele als falsch geprüfte Beiträge weiterhin ohne Kennzeichnung zu finden waren: Bei Twitter waren es 59 Prozent der geprüften Falschmeldungen, bei YouTube 27 Prozent der Videos mit nachgewiesen falschem Inhalt und bei Facebook 24 Prozent der geprüften Posts.

Kaum Wirkung zeigen solche Maßnahmen außerdem in privaten Gruppen auf Facebook oder beim Weiterleiten über Messenger-Dienste wie WhatsApp oder Telegram. Posts bleiben für die Öffentlichkeit nicht sichtbar, so dass sich Desinformation im Verborgenen verbreiten kann. Insbesondere Telegram dient dabei als Verbreitungsweg für Verschwörungstheorien und rechtsextreme Propaganda. Einen neuen Weg hat hier WhatsApp eingeschlagen: Der Dienst kennzeichnet seit Anfang April weitergeleitete Nachrichten und schränkt die Verbreitung von häufig weitergeleiteten Nachrichten ein.

Die bisherigen Aktivitäten von Facebook, Google und Co. sind freiwillig. Zwar steigt der politische Druck auf die Plattformen; das hat dazu geführt, dass Google, Facebook, Twitter, Mozilla und Microsoft im Vorfeld der Europawahlen 2019 einen Verhaltenskodex zur Bekämpfung von Desinformation unterschrieben haben. Bis jetzt ist es aber allein den Betreibern überlassen, wie sie diese Verpflichtungen umsetzen. In ihrem Bericht weisen die Europäischen Medienregulierer, die in ERGA (European Regulators Group for Audiovisual Media Services) zusammenarbeiten, auf eine Reihe von Schwächen in der Umsetzung des Verhaltenkodex hin. Sie fordern daher einen Wechsel von der derzeitigen Selbstregulierung von Internetunternehmen hin zu einer Ko-Regulierung [5].

Wissenschaftler fordern ebenso, dass Online-Plattformen in Zukunft mehr Verantwortung übernehmen sollten. Auch wenn diese Anbieter keine Herausgeber – und damit für die veröffentlichten Inhalte nicht voll haftbar sind –, tragen sie  eine gesellschaftliche Verantwortung. Damian Tambini, Forscher am London School of Economics, schlägt daher die Einführung neuer Sorgfaltspflichten für Plattformen vor: „Damit ist keine Haftung im eigentlichen Sinne gemeint,“ so Tambini. „Es ist aber der Versuch, die systemischen Anreize so zu verändern, dass die Plattformen einer anderen Anreizstruktur folgen – und zwar alle Plattformen.“ [6]

 

[1] Das zeigt z.B. eine aktuelle Studie vom Reuters Institute for the Study of Journalism: https://reutersinstitute.politics.ox.ac.uk/types-sources-and-claims-covid-19-misinformation

[2] Desinformation und Falschinformation bezeichnen hier gleichbedeutend Meldungen, die falsche Tatsachen bewusst verbreiten. Der Begriff Fake News dagegen wird auch genutzt, um etablierten Medien anzugreifen – ähnlich dem Begriff der Lügenpresse.

[3] Das zeigt auch eine neue Studie von Mathias Osmundsen und Kollegen: https://psyarxiv.com/v45bk/

[4] Eine Übersicht aller Maßnahmen findet sich auf die Seite der gemeinnützigen Organisation EU Disinfo Lab: https://www.disinfo.eu/resources/covid-19/platforms-responses-to-covid-19-mis-and-disinformation

[5] Der vollständige Bericht von ERGA ist hier veröffentlicht: https://erga-online.eu/?p=732

[6] Diese Position äußerte er beim International Governance Forum 2019 in Berlin.

Erschienen am: 26.06.2020

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