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Studie zeigt 10 konkrete Moderationsmaßnahmen für Online-Redaktionen gegen Hassrede im Netz auf


Hassrede prägt zunehmend die Kommentarspalten von journalistischen Online-Angeboten. Diese oftmals unsachlichen emotionsgeladenen Debatten sind für Medienhäuser, ihre Onlineredaktionen und die Nutzer gleichermaßen unerwünscht und frustrierend. Mit der praxiserprobten Handreichung „Hasskommentare im Netz. Steuerungsstrategien für Redaktionen“ hat die Landesanstalt für Medien NRW einen 10-Punkte-Plan gegen Hassrede im Netz veröffentlicht. Er zeigt auf, wie Redaktionen gegen Recht- und Rücksichtslosigkeit im Netz vorgehen und ausufernde Debatten einfangen können. Die empfohlenen Maßnahmen sind das Ergebnis eines Forschungsprojekts der Landesanstalt für Medien NRW, das mit Unterstützung der Google Germany GmbH umgesetzt wurde.

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Im Rahmen der Studie wurde u. a. anhand einer Kommentaranalyse das Diskussionsverhalten von Nutzern in unterschiedlichen Online-Diskursverläufen untersucht. Als Kooperationspartner standen Deutschlandfunk Kultur, die Mediengruppe RTL Deutschland, die Rheinische Post Online (RP Online), Spiegel Online und tagesschau.de zur Verfügung, mit deren Redaktionen überdies zwölf Expertengespräche zu den bisherigen Praktiken und Erfahrungen geführt wurden.

Zu den Kernergebnissen der Online-Diskursanalyse zählen:

  1. Es findet kaum redaktionelle Moderation statt, was dazu führt, dass es nur wenig Effekte/Rückwirkung auf den Verlauf öffentlicher Diskurse gibt.
  2. Eine aktive Diskussionsbeteiligung der jeweiligen Redaktion wirkt sich direkt auf die Positionierung des betreffenden Hauptkommentars und dessen Diskussionsstrang in der algorithmischen Sortierung aus. Die entsprechenden Redaktionskommentare werden automatisch höher gerankt. Auf diese Weise kann eine Redaktion durch gezielte Kommentierung bestimmten Diskussionssträngen zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen.
  3. Der Vorwurf der Propaganda und der Lügenpresse zieht sich durch nahezu alle analysierten Diskurse. Unabhängig vom Thema des journalistischen Beitrags werfen Userinnen und User den Journalistinnen und Journalisten bewusste Manipulation und interessengeleitete Berichterstattung vor.
  4. Höchstens ein Drittel der Kommentare hat einen thematischen Bezug und geht ausdrücklich auf Themen ein, die im journalistischen Beitrag vorkommen (Rest = themenfremde Verunglimpfungen, Hetze).
  5. Es gibt nur wenige dominante, dabei durchweg negativ kommentierende Userinnen und User, die in ihren meist ähnlichen Kommentaren zu bestimmten Sichtweisen und/oder Handlungen aufrufen („Trollverhalten“; Motive: Geltungsdrang, missionarischer Eifer).
  6. Fast alle Kommentare werden am ersten Tag nach der Veröffentlichung eines Beitrags erstellt (dann rasch nachlassend).

Mit vergleichsweise überschaubarem Aufwand können Redaktionen öffentliche Diskurse zu ihren Gunsten beeinflussen, um das konstruktive Potenzial von Debatten noch stärker auszuschöpfen. Im Livetestbetrieb in der Online-Redaktion der RP Online hat sich gezeigt, dass besonders Steuerungselemente aussichtsreich sind, die auf eine Selbstregulierung unter den Nutzern zielen. Ein zielführender Ansatzpunkt ist es demnach, die schweigende Mehrheit gegen notorische Störer und Hassredner zu mobilisieren, indem Redaktionen die ihnen zugewandten Nutzer etwa durch Gegenrede oder Dialog unterstützen, und sich auf diese Weise gegen destruktive verbale Einflüsse schützen. 

10 Ansatzpunkte für Redaktionen gegen Hassrede

1.  Entschieden moderieren:
     Mit sachlicher Moderation ‚Hausrecht‘ durchsetzen.
2.  Direkte Ansprache:
     Häufiger zu Wort melden.
3.  Gegenrede stärken:
     Konstruktive Userinnen und User belohnen.
4.  Aktionen gegen Hassrede:
     Journalistische Programme, Formate und Veranstaltungen entwickeln.
5.  Hässliches Dominanzgefälle:
     Sich der destruktiven Minderheit bewusst werden.
6.  Konstruktiver Journalismus:
     Alltagsthemen/-probleme von Nutzerinnen und Nutzern aufgreifen und Handlungsmöglichkeiten aufzeigen.
7.  Mensch-Maschine-Filter:
     Automatisierungstools können Moderationsteams nicht ersetzen.
8.  Ironie- und zynismusfreie Zone:
     Auf den eigenen Tonfall achten und auf Spott verzichten.
9.  Ressourcen bereitstellen:
     4-Augen-Prinzip auch im Nutzerdialog.
10.Respekt verschaffen:
     Klartext reden und auf Augenhöhe kommunizieren.

Von Dr. Meike Isenberg, Landesanstalt für Medien NRW, Förderung/Forschung

Erschienen am: 08.08.2018

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