MediaPolicyLab Grafik-aufRot-05
MediaPolicyLab Grafik-aufRot-06

Data Access Initiative Bericht #1

Auf der Suche nach Modellen für Transparenz und Datenzugang bei sozialen Netzwerken

Am 28. Mai 2018 diskutierte eine Expertengruppe während eines eintägigen Workshops verschiedene Ideen zur Entwicklung eines Regulierungsverfahrens, das sich mit Transparenz und Diskriminierungsfreiheit in sozialen Netzwerken befasst. Dieser Bericht skizziert die Ideen, Fragen und Probleme, die von der Gruppe formuliert wurden.

Diese Ideen spiegeln nicht notwendigerweise Positionen der Medienanstalt Berlin-Brandenburg wieder. Sie werden eher als innovative Impulse betrachtet, die wir weiter diskutieren und verfolgen möchten.

Leitfragen des Workshops waren:

1. Wie könnte ein Monitoring-Prozess zur Sicherung von Medienvielfalt aussehen?
2.
Was können wir von existierenden Monitoring-Ansätzen und der Forschung lernen?
3. Was müssen wir bezüglich Datenschutz beachten?
4. Wie können wir eine Machbarkeitsstudie erreichen?

dataaccess2

1. Welche Arten des Datenzugangs existieren bisher in der Forschung?

Zunächst lag die Zielsetzung der Gruppe in der Auswahl vorhandener Methoden, mit denen sich Daten über die Nutzung von sozialen Netzwerken sammeln lassen. Jede Zugangsmöglichkeit bietet andere Informationen und birgt verschiedene Herausforderungen:

  • API mit teilweise sehr begrenzt öffentlich zugänglichen Datensätzen.
    Herausforderung: umfasst ausschließlich öffentliche Inhalte.
  • Apps sozialer Netzwerke die Daten innerhalb eines sozialen Netzwerks sammeln.
    Herausforderung: datenschutzrechtliche Fragen (wie im Fall von Cambridge Analytica).
  • Forschungsräte wie z. B. der, den Facebook derzeit freiwillig in den USA aufstellt.
    Herausforderung: Wahrung von Unabhängigkeit und Vermeidung von exklusivem Zugang für privilegierte Forschungseinrichtungen.
  • Scraping-Tools, die es Nutzern erlauben, ihre eigenen Inhalte abzurufen und dabei helfen, Datensätze zu erfassen, die tiefere Einblicke in die Nutzung sozialer Netzwerke geben würden.
    Herausforderung: Verstoß gegen Geschäftsbedingungen sozialer Netzwerke.
  • Tools, die eine Nutzerbeteiligung erfordern (Man-in-the-Middle-Tools), wie das Projekt ROBIN der University of Amsterdam.
    Herausforderung: schwierig, eine repräsentative Stichprobe zu erhalten, sowie teuer in der Umsetzung; bisher ist das Monitoring mobiler Daten noch immer eine ungelöste Frage, Apps sind eine absolute Black Box.
  • Dritt-Datenvermittler wie Werbeagenturen, die keine Originaldaten, dafür aber Statistiken vorliegen haben.
    Herausforderung: lediglich zusammengefasste Informationen, teuer.
  • Fingerabdruck-Methode, die mithilfe eines technischen Tools bestimmte Inhalte markieren und aufzeigen würde, welche Nutzer diese Inhalte gesehen/nicht gesehen haben.
    Herausforderung: möglicherweise keine repräsentativen und detaillierten Informationen über die Nutzung.
  • Fake Accounts, die im Laufe der Zeit die Nutzererfahrung in aller Ausführlichkeit nachbilden könnten.
    Herausforderung: verstoßen gegen die Nutzungsbestimmungen sozialer Netzwerke, könnten als Quelle für realistische Daten möglicherweise nicht zuverlässig sein.

2. Vorschläge zum Monitoring des Einflusses von Intermediären auf digitale Medienvielfalt

Die Diskussion der Expertengruppe ergab fünf konkrete Ideen, wie Intermediäre im Allgemeinen und soziale Netzwerke im Speziellen kontrolliert werden könnten. Alle fünf Aspekte ergänzen sich zu einem ganzheitlichen Ansatz, um kontinuierlich und nachhaltig die Sicherung digitaler Medienvielfalt auf sozialen Netzwerken zu gewährleisten.

2.1 Transparenzbericht

Um Transparenz zu schaffen, sind Informationen für die Nutzer dringend erforderlich. Allerdings werden solche Informationen sehr häufig einfach nicht gelesen bzw. sogar als lästig empfunden. Daraus ergibt sich die Frage: Welche Informationen können bereitgestellt werden, um tatsächlich für mehr Transparenz zu sorgen?

Ein wesentlicher Schritt sind Transparenzberichte. Intermediäre sollten dazu verpflichtet sein, zu Forschungs- und Übersichtszwecken einen jährlichen Bericht vorzulegen, der wesentliche Erkenntnisse aufgreift, die zur Sicherung von Medienvielfalt von Relevanz sind. Ziel dieser Berichte soll es sein, die Informationsasymmetrie zwischen dem Wissen der Intermediäre über ihre Nutzer und dem für die Öffentlichkeit zugänglichen Wissen auszubalancieren.

Empfänger dieses Berichts sollten die Medienanstalten sein. Sie könnten anschließend die Art der Informationen vorgeben, die zur Verfügung gestellt werden sollen. Mögliche Themen in diesem Bericht könnten sein:

  • Wie viele Faktoren sind Bestandteil der relevantesten Algorithmen (z. B. Algorithmen im Zusammenhang mit Newsfeeds)?
  • Welche Faktoren sind dies und wie sind sie gewichtet?
  • Welche Rolle spielen journalistisch-redaktionelle Inhalte im Vergleich zu privater Kommunikation?
  • Wie wichtig sind lokale Themen, insbesondere journalistische?
  • Werden Maßnahmen ergriffen, um die Sichtbarkeit von Public Value-Angeboten zu gewährleisten?
  • Bestehen Vereinbarungen mit Medienproduzenten bezüglich des Rankings ihrer Inhalte?
  • Wie oft im Jahr werden die Faktoren und Kriterien geändert? Sind irgendwelche großen Änderungen geplant?
  • Wer in den Unternehmen ist für die Planung und Umsetzung dieser Änderungen zuständig?
  • Welchen Prozess muss eine Änderung durchlaufen, bevor sie umgesetzt wird?
  • Wie viele Fake Accounts wurden im vergangenen Jahr gelöscht?
  • Wie viele Benachrichtigungen hat der Intermediär hinsichtlich Fake News erhalten? Über welche Fälle wurde berichtet?
  • … und jegliche weitere Themenaspekte, die mit der Zeit identifiziert und hinzugefügt werden könnten.

Forderungen:
Intermediäre sollten dazu angehalten werden, den Medienanstalten einen jährlichen Bericht vorzulegen. Dabei sollten die Medienanstalten die notwendigen Informationen festlegen; die im Bericht aufgegriffenen Aspekte  Bericht können von Jahr zu Jahr variieren. 

2.2 Auditprozess

Ein Audit würde helfen, die Informationen des Jahresberichts zu prüfen und ein zusätzliches Monitoring von Algorithmen durchzuführen, die von den Intermediären hinsichtlich des Aspekts der Medienvielfalt eingesetzt werden. Dafür könnten die Medienanstalten eine Drittpartei hinzuziehen, die das Auditing intern vornimmt. Als Auditteam würde sich ein Konsortium anbieten, das beispielsweise aus unabhängigen Forschern und vertrauenswürdigen Auditors besteht, die bereits Erfahrung mit ähnlichen Auditprozess gemacht haben. Die Medienanstalten würden dabei für den Prozess und die unabhängige Durchführung des Audits sorgen.

Zu den Pflichten dieses externen Auditors würden u. a. zählen:

  • Überprüfung der im Jahresbericht bereitgestellten Informationen,
  • Evaluierung des vom jeweiligen sozialen Netzwerk eingesetzten Newsfeed-Algorithmus sowie weiterer Algorithmen, die für die Kontrolle von Medienvielfalt von Bedeutung sind, basierend auf von sozialen Netzwerken vertraulich und intern bereitgestellten Daten,
  • Einblicke gewinnen in von sozialen Netzwerken durchgeführte Nutzerforschung,
  • weitere Aspekte, die hinsichtlich Medienvielfalt relevant sind,

Forderungen:
Medienanstalten sollten die Befugnis zur Beauftragung eines externen Auditors besitzen, der für den Monitoring-Prozess verantwortlich ist. Intermediäre sollten verpflichtet sein, dem Auditor sämtliche dazu notwendige Informationen bereitzustellen. Diese dürfen nicht den Algorithmus selbst oder gesetzlich geschützte Geschäftsgeheimnisse mit einschließen, müssen jedoch ausreichende  Informationen zu relevanten Faktoren beinhalten, die die Leistung des Algorithmus bestimmen.

2.3 Werbetransparenz

Ein Grundstein für genügend Transparenz im Allgemeinen liegt in der Gewährleistung eines höheren Standards für Werbetransparenz. Kürzlich hat Facebook verschiedene Funktionen eingeführt, um auf freiwilliger Basis Transparenz bezüglich politischer Werbeanzeigen zu garantieren. Zur Sicherung von Medienvielfalt und freier politischer Meinungsbildung sind langfristig gesehen jedoch weitere Schritte vonnöten. Hinsichtlich Transparenzaspekten stehen Maßnahmen wie die Erstellung einer umfassenden öffentlichen Datenbank für Onlinewerbung (POAD - Public Online Advertisement Database), Transparenz in Bezug auf Quellen (einschließlich Finanzierungsquellen) sowie eine eindeutige und sofort sichtbare Kennzeichnung zur Diskussion.

Forderungen:
Um der Tatsache vorzubeugen, dass politischer Einfluss erkauft wird, ist politische Werbung für deutsche Sendeanstalten verboten. Da der Einfluss von Intermediären auf die öffentliche Meinungsbildung fast genauso von Bedeutung ist, sollte das Gesetz Wettbewerbsgleichheit herstellen. Wenn Transparenz für entscheidend erachtet wird, muss diese verpflichtend sein und von den Medienanstalten beaufsichtigt werden.

2.4 Nutzerautonomie

Zur Stärkung der Nutzerautonomie sollte das Gesetz Intermediäre dazu verpflichten, ihren Nutzern verschiedene Optionen anzubieten, wie sie Inhalte auswählen und zusammenstellen können. Als obligatorische technische Funktion sollte der Nutzer die Wahl zwischen verschiedenen Formen der Informationsauswahl und –zusammenstellung haben. Zur Vereinfachung/ Unterstützung dieses Prozesses sollten Intermediäre – als Notwendigkeit zur Förderung von Medienvielfalt – einer bestimmten Anzahl an externen Partnern die Erlaubnis erteilen, bei der Erstellung ihrer Newsfeeds mitzuwirken. Eine Form könnte beispielsweise ein chronologischer Newsfeed sein, der es dem Nutzer erlaubt, seine/ihre Präferenzen bezüglich der Zusammenstellung von Informationen vorauszuwählen, denkbar wäre auch eine von externen Instanzen (wie z. B. Medieneinrichtungen) vorgenommene Informationsauswahl.

Zusätzlich würde ein möglicher Wechsel zwischen verschiedenen Formen der Inhaltsauswahl sowie –zusammenstellung es Forschern ermöglichen, den Newsfeed eines sozialen Netzwerkes durch vergleichbare Methoden besser zu verstehen, ohne den tatsächlichen Algorithmus zu kennen.

Forderungen:
Soziale Netzwerke sollten dazu verpflichtet sein, ihren Nutzern Wahlmöglichkeiten zwischen verschiedenen Formen der Inhaltsauswahlanzubieten, diese leicht auffindbar machen und Informationen darüber zur Verfügung stellen, wie die verschiedenen Formen funktionieren. Darüber hinaus wäre es für den Prozess von Vorteil, wenn soziale Netzwerke verschiedenen Medienpartnern in Deutschland die Erlaubnis erteilen würden, ihren Newsfeed-Algorithmus mitzugestalten.

2.5 Bereich Durchsetzung

Um die Einhaltung dieser behördlichen Anforderungen zu gewährleisten, sind angemessene Durchsetzungsinstrumente erforderlich. Für den Fall, dass soziale Netzwerke gesetzliche Verpflichtungen oder den ordnungsgemäßen Auditprozess nicht einhalten, muss die Gesetzgebung geeignete Maßnahmen ergreifen, um Sanktionen durchzusetzen.

3. Nächste Schritte

Die Expertengruppe schlägt vor, einen Prozess zur Neudefinition von Medienvielfalt im digitalen Zeitalter zu initiieren. In diesem Prozess wird es unter anderem notwendig sein, Definitionen für „Medieninhalte“ sowie Medienvielfalt zu finden, die sich für Gesetzgebung und Verordnungen eignen, sowie Maßnahmen zu erörtern, die die Sichtbarkeit von Inhalten mit öffentlichem Wert gewährleisten. Überdies wird es erforderlich sein, zu erörtern, ob Suchmaschinen und soziale Netzwerke mit einem einheitlichen Regulierungsansatz zu behandeln sind oder ob eine Differenzierung notwendig ist.

Die Erforschung beispielhafter Funktionen von Intermediären auf Einzelfallbasis ist unabdingbar, um ihre Rolle in der Meinungsbildung besser verstehen zu können. Zusätzlich zu Einzelberichten über Intermediäre wird umfassende Einsicht in die Dynamik der Medienvielfalt notwendig werden. Zivilgesellschaftliche Akteure haben sich als wichtige Motoren dieser ganzheitlichen Einschätzung sowie neuer Forschungsansätze erwiesen.

***

Um die gewonnenen Erkenntnisse zu vertiefen und weitere Ideen zu entwickeln, wie sich eine Regulierung von Intermediären wie soziale Netzwerke gestalten lässt, plant das Media Policy Lab im Rahmen der Data Access Initiative die Durchführung weiterer Workshops.

Erschienen am: 17.08.2018

<< Zurück zur Übersicht

Cookies ermöglichen eine bestmögliche Bereitstellung unseres Online-Angebots. Mit der Nutzung der Internetseite www.mabb.de erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies verwendet werden.