MediaPolicyLab Grafik-aufRot-05
MediaPolicyLab Grafik-aufRot-06

MCB 18: Smarte Regulierung - Für mehr Transparenz in den Algorithmen der Internetplattformen


„Wenn die Informationen, die verbreitet werden, vergiftet sind, ist es auch die Demokratie“, sagte Dipayan Ghosh zur Eröffnung des Programms der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) im Rahmen der MEDIA CONVENTION Berlin (MCB). Ghosh, der unter US-Präsident Barack Obama und später für Facebook gearbeitet hat, beschäftigt sich gemeinsam mit seinem Kollegen Ben Scott von der New America Foundation mit den Technologien, die hinter Internet-Propaganda stehen. Bei der MCB berichtete er in der Session „Failure by design! How the digital advertisement industry drives the info sphere“ von ihren Erkenntnissen, und auch davon, wie sich Facebook in den vergangen Jahren verändert hat: Die Nutzerzahlen seien linear gestiegen, der Umsatzzuwachs jedoch exponentiell. Grund dafür sei die Möglichkeit, Werbung gezielter auf die Mitglieder des sozialen Netzwerks zuzuschneiden – und das wiederum ist nur möglich durch Algorithmen.

Dipayan%20Ghosh%20waehrend%20der%20Session%20Failure%20by%20design%21%20How%20the%20digital%20advertisement%20industry%20drives%20the%20info%20sphere%E2%80%9C
Dipayan Ghosh während der Session "Failure by design! How the digital advertisement industry drives the info sphere“

Das Problem an den Algorithmen: „Sie werden von Menschen geschrieben“, sagte Ghosh. „Diese haben begrenzte Erfahrungen, Ideen und Annahmen, die sich im Algorithmus widerspiegeln.“ Darum kann ein Algorithmus nicht neutral sein. Die Folge davon: Algorithmen bringen zwar Ordnung in die Informationsflut des Internet, doch nicht immer weiß man, warum manche Inhalte vorne angezeigt werden, andere eher hinten.

„Nach welche Kriterien wird bei der Auswahl von Inhalten gewertet?“, fragte Heike Raab, Medienstaatssekretärin aus Rheinland-Pfalz beim Panel „Smart Regulation. Medienvielfalt und digitale Öffentlichkeit erhalten“. „Sind es kommerzielle, politische – oder ganz andere?“ mabb-Direktorin Dr. Anja Zimmer ergänzte: „Es gibt eine Asymmetrie des Wissens. Facebook, Google und andere so genannte Intermediäre verfügen über eine Vielzahl von Daten der Nutzer und die Möglichkeiten,  diese auszuwerten. Um auf Augenhöhe diskutieren zu können, brauchen wir mehr Transparenz und Regeln, die sicherstellen, dass es auch künftig keine missbräuchliche Diskriminierung geben wird.“ Denn rund 33 Prozent der Bevölkerung nutzen Google, Facebook & Co. täglich zur Information über das Zeitgeschehen. „Das heißt, die informierende Tagesreichweite dieser Plattformen ist bereits höher als die der Tageszeitungen“, so Anja Zimmer.

Folgen für die klassischen Medien

Sophie Burkhardt, stellvertretende Geschäftsführerin von Funk, dem Content-Netzwerk von ARD und ZDF, das speziell 14- bis 29-Jährige über das Internet erreichen möchte, kennt das Problem mit den Algorithmen aus ihrer täglichen Arbeit: „Auf unserer eigenen Plattform sind wir der Herr im Haus. Bei YouTube und auf anderen Plattformen sind wir nur der Mieter, wir müssen uns dort also an deren Regeln halten.“ Das könne zur Folge haben, dass ein Beitrag, in dem es um Tierschutz geht, bei YouTube mit einer Altersbeschränkung versehen wird, weil dort gezeigt wird, wie geschlachtet wird. Auf der eigenen Plattform sei er dagegen frei zugänglich, weil er hausintern nicht als jugendgefährdend eingestuft werde.

Minimale Regulierung für maximale Vielfalt

Damit das deutsche Mediensystem mit den neuen Playern weiterhin eines der vielfältigsten der Welt bleibt, setzen sich die Medienanstalten für eine smarte Regulierung ein, bei der ein Maximum an Vielfalt gewährleistet werden soll. Regulierung soll nur da eingreifen, wo es nötig ist. Forderung der Medienanstalten: Intermediäre sollen transparenter arbeiten. „Dazu müssen sie nicht den Code hinter den Algorithmen zugänglich machen“, sagte Heike Raab, „aber sie sollten die Kriterien für ihre Bewertungen Preis geben.“

Für eine smarte Regulierung spricht sich auch Sabine Frank, Leiterin Regulierung, Verbraucher- und Jugendschutz von Google Germany aus. „Nicht jede Regulierung ist eine gute Regulierung.“ Wichtig sei es, sich die Regulierungsziele und -instrumente anzuschauen. „Die Digitalisierung bringt keine Verengung oder Verknappung, sondern eine Öffnung. Google ist typischerweise nicht Gatekeeper, sondern Gateopener.“

Ein weiterer Ansatz: Sollte sich smarte Regulierung stärker die vorhandene Technologie zunutze machen? Beim Panel „From Bias to best practice – how to build the algorithms we want?“ machte Dipayan Ghosh auf das Spannungsfeld aus wirtschaftlichen Interessen und Verbraucherrechten aufmerksam. In der Erwartung, dass Algorithmen durch künstliche Intelligenz künftig den Nutzer noch besser analysieren können, fordert er eine Schnittstelle, mit der andere Akteure feststellen können, welche Daten ein- und welche ausgehen. So müsse kein Zugriff auf den Code gegeben werden, trotzdem würde mehr Transparenz geschaffen.

40953728505_22a6e1e6c5_z
Aniko Hannak, Alexander Sängerlaub, Theresa Züger und Dipayan Ghosh auf dem Panel "From Bias to best practice – how to build the algorithms we want?"

Interdisziplinär Lösungen finden mit dem Media Policy Lab

Auch das neu gegründete Media Policy Lab der mabb widmet sich genau diesen Fragen: In diesem interdisziplinären Think Tank, sollen Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Datenschutz und NGOs zusammen kommen, um Lösungen für aktuelle Entwicklungen in der Onlinewelt zu entwickeln. Ihr Ziel: Mehr Transparenz, keine Diskriminierung durch Algorithmen und mehr Wettbewerb. Das Media Policy Lab hat pünktlich zur MCB zehn Thesen zur digitalen Medienvielfalt veröffentlicht. Zu ihnen gehören die Forderungen nach neuen Methoden zur Messung der Medienvielfalt, aber auch nach neuen Arbeitsweisen innerhalb der Regulierungsbehörden. Nutzerinnen und Nutzern sind eingeladen, darüber am 30. Mai bei einem Meet-Up bei ALEX Berlin mitzudiskutieren.

Alle MCB-Sessions wurden von ALEX Berlin live im TV übertragen und online gestreamt. Wer nicht an der MCB oder an einem der Panels teilnehmen konnte, kann die Beiträge ab sofort in der Mediathek von ALEX abrufen.

Erschienen am: 04.05.2018

<< Zurück zur Übersicht

Cookies ermöglichen eine bestmögliche Bereitstellung unseres Online-Angebots. Mit der Nutzung der Internetseite www.mabb.de erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies verwendet werden.