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Die Entstehung des Media Policy Labs

Let’s start here: Medienvielfalt neu denken

Die Digitalisierung hat unsere Informationslandschaft nachhaltig verändert. Informationsintermediäre wie Facebook und Google sind aus dem Prozess der Wissensvermittlung und Kommunikation nicht mehr wegzudenken. Ihre Funktionsweisen verändern wie Menschen Informationen suchen, Nachrichten erhalten und auf diese reagieren. Einerseits ermöglichen digitale Dienste Zugang zu einer völlig neuen Fülle an Informationen wie auch neue partizipative Formen der Kommunikation. Andererseits erhalten Informationsintermediäre – wie der Begriff schon nahelegt – eine neue Mittlerrolle, die nicht ohne Nebenwirkungen zu haben ist. Die Verantwortung und auch die Macht, die Informationsintermediären damit zukommt, wirft für die Gesellschaft neue Fragen auf. Wie genau beeinflussen Informationsintermediäre die Vielfalt der Meinungen in einer Demokratie? Von welchen Faktoren hängt Medienvielfalt für den einzelnen Nutzer im digitalen Zeitalter ab? Als Medienanstalt ist es unsere Aufgabe, Medienvielfalt zu sichern, und damit stehen wir vor der Herausforderung, diese neuen Bedingungen in all ihrer Komplexität zu verstehen, um unserem Auftrag nachzukommen. Wir sehen uns in der Verantwortung diesen Fragen nicht nur theoretisch nachzugehen, sondern sie so gut wie möglich für die Praxis zu beantworten, um mit diesem Wissen weitere Schritte anzustoßen, die eine lebendige und vielfältige Informationslandschaft erhalten und fördern.

Erster Schritt: Get together!

Dieser Herausforderung wollen wir uns nicht allein stellen. Mit internationalen Experten arbeiten wir an einzelnen Projekten, die Forschung und Öffentlichkeit mit einbeziehen. Als Initialzündung für diese Projekte hat vom 5. – 7. Mai 2017 in der Nähe von Berlin ein erster Expertenworkshop stattgefunden.

Sechs internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, deren Forschung sich aus verschiedenen disziplinären Perspektiven mit Informationsintermediären beschäftigt, waren als Impulsgeber dabei:

© Jeroen Oerlemanns

Prof. Dr. Natali Helberger, Professorin für Informationsrecht an der Universität Amsterdam, ist bekannt für ihre Kenntnisse zu europäischem Recht und für ihre empirischen Studien zu Diversität und Medienpluralismus. Helberger berät die Europäische Kommission und ist ein Mitglied der „European Cloud Computing Contracts Expert Group“.

Prof. Dr. Frank Pasquale, Jurist und Professor an der University of Maryland in den USA ist unter anderem Autor des als Meilenstein in der Debatte angesehenen Buches The Black Box Society: The Secret Algorithms that Control Money and Information.

Dr. Julia Powles von Cornell Tech und der Universität Cambridge arbeitet nicht nur als Wissenschaftlerin zum Thema Mediapluralismus, sondern auch journalistisch als Redakteurin und Policy Fellow beim Guardian. Ihre Artikel, beispielsweise über den Einsatz von Algorithmen von Google DeepMind im Gesundheitswesen, sind wichtige Impulse in der internationalen Debatte.

© Hans-Bredow-Institut

Prof. Dr. Wolfgang Schulz, Professor an der Universität Hamburg für Medienrecht und Direktor des Hans-Bredow-Instituts für Medienforschung sowie des Alexander von Humboldt Instituts für Internet und Gesellschaft ist unter anderem Mitglied der Enquete-Kommission des Bundestags „Internet und digitale Gesellschaft“ und Vorsitzender der Expertenkommission der deutschen UNESCO-Kommission „Kommunikation und Information“.

Dr. Damian Tambini von der London School of Economics ist einer der führenden Politikberater in Großbritannien im Bereich Medienpluralismus und Mitglied verschiedener Kommissionen. Er ist renommierter Experte zur europäischen Medienpolitik und verfasst derzeit einen Bericht für den Europarat über Wahlen im digitalen Zeitalter.

Dr. Ben Wagner, Assistenzprofessor an der Wirtschaftsuniversität Wien sowie Senior Researcher am Centre of Internet & Human Rights (CIHR) und Berater zum Thema Internet und Menschenrechte unter anderem für die EU und die UN, nahm als Experte für Zensur und moderne Demokratietheorien teil.

Prof. Dr. Katharina Zweig ist Informatik-Professorin der TU Kaiserslautern und eine führende Expertin zu Algorithmen und automatisierten Entscheidungssystemen. Darüber hinaus ist sie Mitgründerin der NGO AlgorithmWatch, die sich für eine größere Transparenz zu algorithmischen Entscheidungsprozessen einsetzt.

Das Ziel dieses Workshop war es, Problemfelder für die digitale Medienvielfalt zu identifizieren. Außerdem sollten auch erste Lösungsansätze konzipiert werden. Das war für die kurze Dauer des Workshops sehr ambitioniert, hat aber erstaunlich gut funktioniert, sodass gleich mehrere Projektideen in der Zusammenkunft dieser außergewöhnlichen Expertengruppe entwickelt werden konnten. Eine dieser Ideen ist das Manifest für digitale Medienvielfalt.

Doing things with words: ein Manifest für digitale Medienvielfalt!

Eine erste Schwierigkeit für eine zeitgemäße Förderung von Medienvielfalt besteht darin, dass das Konzept an sich kaum eindeutig definierbar ist. Es existieren verschiedenste Definitionen, die mitunter sogar widersprüchlich sind. Unsere Experten meinten gar, Medienvielfalt sei womöglich eines der am schlechtesten definierten Konzepte des Rechts überhaupt. Darüber hinaus ist die Erforschung von Medienvielfalt keine leichte Sache: Der Empirie sind hier Schranken aufgelegt, da nur schwer rekonstruiert werden kann, über welche Wege Menschen tatsächlich in ihrem Alltag Informationen erhalten und wie damit ihre Meinungsbildung beeinflusst wird. Außerdem fehlen Wissenschaft und Regulierung häufig Zugänge zu Daten über die Nutzung von Informationsintermediären. All das erschwert die Annäherung an die tatsächliche Realität der Mediennutzung.

Wo soll man also beginnen Medienvielfalt zu stärken, wenn wir sie kaum stichhaltig messen können? Bei ihren Zielen! Medienvielfalt ist kein Zweck an sich, sondern in einer Demokratie ein Mittel, um demokratische Freiheiten zu erhalten. Wo Meinungsfreiheit bedroht ist, journalistisches Arbeiten unmöglich wird, Wahrheiten unterdrückt werden oder Desinformation die Meinungsbildung regiert, ist diese Balance gestört und Medienvielfalt gefährdet. Wenn Auswahlkriterien nicht transparent sind, gesammelte Daten die Nutzung bestimmen und Plattformökonomie und Netzwerkeffekte Marktmacht schaffen, wenn Nutzerinnen und Nutzer Vertrauen verlieren, dann sind Vielfalt und Nutzersouveränität bedroht.

Ein erstes Projekt des Media Policy Labs wird sich daher inmitten des digitalen Wandels auf die Ziele der Medienvielfalt rückbesinnen und in einem Manifest Ideen zum Ist-Zustand und den notwendigen Veränderungen zum Erhalt der Medienvielfalt formulieren.

Damit möchten wir Chancen und Herausforderungen für die Medienvielfalt herausarbeiten und die Grundlage für eine gesellschaftliche Debatte schaffen. Der Input der Wissenschaft ist dabei unabdingbar. Daher wurde das Manifest am 28. Oktober 2017 als „work in progress“ auf den Dubrovnik Media Days präsentiert und mit den wissenschaftlichen Teilnehmern diskutiert. Um das fertige Manifest der Öffentlichkeit vorzustellen, planen wir im Frühjahr 2018 ein Veranstaltung. Sie wollen dabei sein und mitdiskutieren? Dann schreiben Sie uns unter info@mediapolicylab.de und wir setzen Sie auf unsere Gästeliste!

Knowledge Network: Wissen fördern und vernetzen

Was innerhalb unseres ersten Workshop sehr klar wurde: Lösungen finden wir nur, wenn wir Forschung aus verschiedenen Bereichen zusammenbringen und interdisziplinär arbeiten! Algorithmische Entscheidungssysteme sind längst allgegenwärtiger Teil unserer Lebenswelt und doch versteht kaum jemand, was sie im Einzelnen bewirken, welche Risiken damit verbunden sind. Welche Rolle und Funktion haben algorithmische Entscheidungssysteme, welche Bedeutung für die Meinungsvielfalt? Wie politische und technologische Lösungen die Autonomie des Individuums und demokratische Gemeinschaften erhalten und stärken können, ist eine komplexe Aufgabe, die zunächst ein klareres Bild erfordert. Digitale Technologien und algorithmische Entscheidungssysteme sind unweigerlich Teil unserer gesellschaftlichen Zukunft. Um diese durch Gesetze und Initiativen zu gestalten – anstatt gesetzlich den Entwicklungen der Technik nur schadensbegrenzend hinterherzulaufen – müssen wir die Wirkungszusammenhänge der Medienvielfalt verstehen.

Das Media Policy Lab veranstaltet Workshops mit führenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, entwickelt Projekte zur besseren Vernetzung und unterstützt den Wissenstransfer. Forschungsergebnisse sollen in unterschiedlichen Veranstaltungsformaten präsentiert und zur Diskussion gestellt werden, Wissenschaft, Regulierung, Politik, Medien und Zivilgesellschaft sollen miteinander vernetzt werden. Wir möchten neue Forschungsansätze unterstützen (wie beispielsweise die Studie von Prof. Katharina Zweig zum Einfluss von Google auf die Bundestagswahl), neue Foren für netzpolitische Diskussionen bieten und Kooperationen initiieren. Die so gewonnenen Erkenntnisse werden wir hier veröffentlichen.

Erschienen am: 08.12.2017

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